High Tide & Low Tide
Surf
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PRODUKTBESCHREIBUNGEN
REZENSION
Drei Jahre schon feilen die Brüder Gregor und Florian Dietz (alias DJ God und Joe Tabu) an ihrem gemeinsamen Projekt Surf, das auf dem (von Joe Tabu zusammengestellten) "Santa Monica"-Weihnachtssampler mit einer schönen Bearbeitung von Paul McCartneys "Wonderful Christmastime" erstmals auf sich aufmerksam machte. In Joe Tabus ehemaligen Domizil in der Schönhauser Allee fanden sich in den Jahren 1996-98 seine ehemaligen Oof!-Bandkollegen Barbara Morgenstern und Berend Intelmann ein und bildeten gemeinsam mit Mina, Quarks und Contriva den Kern der Berliner Wohnzimmerszene. Nach einer Tour unter gleichem Motto und dem familiär bedingtem Einstellen der Wohnzimmer-Abende wurde es ein wenig still um Joe Tabu, den Radiomacher, Super-8-Film-Kommentatoren und Minimalisten in der Tradition des musizierenden Max Goldt oder auch Harald "Sack" Zieglers (die '96er "Ich & mein Krokodil"-Kassette sei hier mal nachträglich empfohlen!). Mit Minimalismus hat nun das auf zwei CDs verteilte Konzeptalbum rund ums Thema Wasser nichts mehr zu tun. "High Tide & Low Tide" klingt vielmehr wie ein lange ausgetüftelter Gegenentwurf zu jeglicher Low-Fi-Ästhetik. Die "High Tide"-CD beginnt mit dem im vergangenen Jahr als Maxi veröffentlichten Disco-Stomper "Soleil", der mit allen Ingredienzen klotzt, die einen 1979 noch eine Runde Cortina-Bob fahren ließ, wenn auf dem Rummelplatz Kelly Maries "Feels Like Making Love" aus den Schaustellerboxen dröhnte. Wahlweise seien hier auch Nick Strakers "Walk In The Park" (das sich schon Justus Köhncke reservierte) und Giorgio Moroders Produktionen für die Sparks genannt. Alles Synthesizer-dominierte Platten, die noch mit echtem Schlagzeug eingespielt wurden und zu Formel-1-Zeiten bereits ein Grabbelkistendasein fristeten. Präsentationsforen für solche Musik waren hierzulande die Arcade- und K-Tel-Sampler und Fernsehsendungen wie die "Plattenküche" (mit Helga Feddersen und Frank Zander). Und wenn - wie im letzten Herbst im Vorprogramm von Paula - bei Surf-Live-Auftritten ein hornbebrillter Joe Tabu in blauem Kapitänsjäckchen mit Vocoder-Stimme das Publikum begrüßt und dann in ausladenden Show-Gesten die Gitarre anschlägt, wird dem 79er Flashback noch die Krone aufgesetzt: The Buggles (Trevor Horn's 1st Climb To Fame), wie sie gerade ihren Folge-Hit "Clean, Clean" (oder war's "Living In The Plastic Age"?) vorstellen und vom Konfettiregen eingeschneit werden. Anders als bei Phoenix und Zoot Woman lässt es das Alter der Gebrüder Dietz zu, dass sie sich die erwähnten Singles noch vom Munde abgespart hatten (also lieber mal eine Keith Marshall als ein Mars). Und dem erklärten Ziel, mit ihrem Debüt so etwas wie "eine Kassette mit Lieblingsliedern für Freunde" zu kreieren, kommen sie mit der fantastischen E.L.O-Hommage "Lost In The Waves" und der nächsten Single-Auskoppelung "Surfing On Sound", die so ziemlich alles unter einen Hut bringt, was man an Prefab Sprout und den Beach Boys immer schon geliebt hat, sehr nahe. Leider befinden sich auf CD 1 auch so unverständliche Füllsel wie der Remix eines Madonna-Hiphop-Massaker-Songs oder das blasse "Join In", auf dem Miss Megatrance ebenfalls zu hören ist. Überhaupt erschließt sich einem nicht unbedingt die häufige Hinzunahme von Gastsängern (so etwa Achim "Drop Dead Beautiful" Degen vom One-Hit-Wonder Six Was Nine und die in Hamburg lebende Italienerin Etta Scollo), verfügt doch Florian Dietz über ein angenehmes Timbre, das demjenigen von Paddy McAloon gar nicht so unähnlich ist (und Oof!s "Kompass" bewies bereits 1995, dass dies auch gut auf deutsch funktioniert). "Low Tide", die zweite, "ruhigere" CD, zeigt sich da von einer größeren qualitativen Geschlossenheit, und nicht nur wegen des Beach-Boys-Covers "Long Promised Road" (vom weithin unterschätztem 73er "Holland"-Album), und den einnehmenden Instrumentals darf an "Hawaii", das Werk, das maßgeblich zur Reputation der High Llamas beitrug, gedacht werden. Denn so überraschend und authentisch sich auch die Bombast-Disco-Knüller der ersten CD präsentieren mögen, sind es doch die Stücke der zweiten, die das Prädikat der Zeitlosigkeit verdienen. Wenn nun auch noch Ragazzi ihren ersten Longplayer fertigstellen, könnte 2002 ein gutes Jahr für international konkurrenzfähige Popmusik aus Deutschland werden.
Markus von Schwerin / Intro - Musik & so
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